Briefe an BOTE & Bock
Gustav Bock, als ehemaliger Mitarbeiter, und Eduard Bote, Buch- und Kunsthändler, kauften nach dem Tod von Traugott Friedrich Julius Ahlemann von dessen Witwe 1838 den Verlag und gründeten im Februar 1838 den eigenen Verlag "Bote & Bock".
Sie verlegten in den ersten Jahren Werke von unbekannten Komponisten. So auch die Werke des seit 1834 in Berlin lebenden Eduard Wilsing.
Eduard Wilsing wurde für die Verleger auch als musikalischer Berater tätig.
In diesem Zusammenhang ist anzunehmen, dass er unter anderem auch bei der Herausgabe der ersten 6 Kompositionen von Fanny Hensel beteiligt war, die erstmals unter ihrem eigenen Namen im Jahr 1846, ein Jahr vor ihrem Tod, herausgegeben wurden.
Etliche ihrer Arbeiten waren bis dahin unter dem Namen ihres Bruders Felix Mendelssohn Bartholdy veröffentlicht worden.
Brief vom 9.11.1838
Eduard Wilsing bitte um die leihweise Überlassung des zweiten Heftes der gesammelten Werke Haydns für das Pianoforte in der Breitkopfschen Ausgabe.
Mit dieser Bitte wird deutlich, dass Bote & Bock auch eine Musikalienhandlung betrieben und Eduard Wilsing Werke anderer Komponisten studierte.
Bei dem erbetenen Werk könnte es sich um die um das Jahr 1800 herausgekommenen Sammelausgaben, des Œuvres complettes bzw. Œuvres de J. Haydn der Werke mit Klavier handeln, die bei Breitkopf & Härtel herausgegeben wurden.
Bei der Es-dur-Sonate handelt es sich um ein Werk, dass Haydn im Jahr 1794 während seines zweiten Aufenthalts in London komponiert hatte. Hatte zu der Zeit die neuen englischen Hammerflügel mit vollerem Klang, Pedalen und einem größeren Tonumfang kennengelernt. Möglicherweise inspirierten ihn diese neuen Klangmöglichkeiten. In der Komposition befinden sich vor allem in den ersten beiden Sätzen auffallend viele Vollgriffe. Dieses Werk wurde schnell sehr beliebt und reget vielleicht E. Wilsing an, es näher kennenzulernen.
Briefe vom 18.11.1841, 24. und 27.1.1842
In den Schreiben fragt Eduard Wilsing zunächst nach, warum seine im April übergebene Komposition (Sonate für das Piano op. 7 Fis#) noch nicht veröffentlicht ist. In späteren Schreiben erinnert an die Pflicht und Schuldigkeit einer Antwort.
Es liegen bisher keine Unterlagen über die Gründe für die Verzögerung der Veröffentlichung vor. Der Verlag hatte zuvor bereits im Jahr 1841 die Eduard Schröder gewidmete Sonate Fantasia fis-moll herausgebracht.
Zur Widmung an Rudolf Jacobi:
Rudolf Jacobi war der Sohn von Johann Georg Arnold Jacobi und Luise Brinckmann und ein Enkel von Friedrich Heinrich von Jacobi (1743-1819) - Präsident der Akademie der Wissenschaft in München, dessen Freunde Wieland Claudius Hamann und Goethe waren.
Er war Arzt und Philosoph, der „hinter der Oberfläche der Welt Sinnzusammenhänge aufspüren" wollte. Über ihn lernte Eduard Wilsing die Schriften von Friedrich Heinrich von Jacobi kennen und kam von dort zu Schleichermacher, dem er sich ganz aufschloß. Dazu zählte dessen Aussagen:
„Jedes Individuum ist berufen sein eigenes Urbild zu verwirklichen.“
„Handle in jedem Augenblick mit der ganzen sittlichen Kraft und die ganze sittliche Aufgabe anzustrebend.“
Diese Aussagen können als Lebensmaxime Wilsings gegolten haben.
Jacobi und Wilsing entdeckten ihr vergleichbares Streben, unter der Oberfläche der Welt Sinnzusammenhänge zu erkennen. Wilsing in der Philosophie, Jacobi in der Musik.
Ausdruck der Verbundenheit war die Widmung der Fis-Dur-Klaviersonate.
Brief vom 1.2.1842
Eduard Wilsing übersendete mit dem Brief seine Komposition Fantasia Fis-moll
- Fantasia per il Pianoforte, Eduard Schröder gewidmet, mit der Bitte, sie innerhalb von 14 Tagen zu veröffentlichen. Tatsächlich erfolgte die Veröffentlichung bereits vor dem 4.5.1842. Eduard Wilsing wies in dem Schreiben ausdrücklich darauf hin, dass er seine Komposition nur mit Mühen wieder von Herrn Martini wiedererlangen konnte.
Der Hinweis auf "Herrn Martini" ist beachtlich, zumal über diesen evtl. auch andere Werke und Arbeiten von Eduard Wilsing erschienen sind, die nur dort und nicht auch bei Bote & Bock veröffentlicht wurden.
Mit "Herrn Martini“ könnte der Sohn von Heinrich Schlesinger, Adolf Martin Schlesinger, gemeint sein, der das Geschäft nach dem Tod des Gründers im Jahr 1838 zunächst mit seiner Mutter, später alleine, weiterführte. Diese Vermutung wird dadurch untermauert, zumal Eduard Wilsing mit einer Quittung bestätigt, dass er von der Schlesingentsche Buchhandlung für die "Bearbeitung des vollständigen Klavierauszuges des Messias von Händel" und anderer Werke insgesamt 76 1/2 Thaler (in Kaufkraftäquivalenten 2022: rd. 2.600 Euro) erhalten hatte.
Brief vom 26.1.1864
Eduard Wilsing nimmt gegenüber Emil Bote zu einem Chorwerk von Friedrich Kiel Stellung, das er wenig schätzt und dem Komponisten, der einen guten Ruf habe, empfiehlt, von solchen "Gelegenheitspossen" Abstand zu nehmen. Mit der Stellungnahme wird deutlich, dass Eduard Wilsing, der bereits seit der Gründung des Verlages (18.4.1838) als musikalischer Berater tätig war, auch noch durch den neuen Verleger im Jahr 1864 zu Rate gezogen wurde. 1864 war Emil Bock nach dem Tode des Gründers, Gustav Bock, am 17.4.1863, durch die verwitwete Ehefrau, Emilie Brody, gebeten worden, als Prokurist das Unternehmen weiter zu führen. Emil Bock war der Schwager der Witwe.
Zu Friedrich Kiel:
Er wurde am 8.10.1821 in Puderbach geboren und verstarb am 13.9.1885 an den Folgen eines Verkehrsunfalls mit einer Pferdekutsche in Berlin. Er war ein deutscher Komponist der Romantik und Musikpädagoge. Er galt als einer der angesehensten Kompositionslehrer seiner Zeit und gehörte zu den herausragenden Komponisten der Generation zwischen Robert Schumann und Johannes Brahms. Die angebotene Stelle als Thomaskantor in Leipzig – also als „Nachfolger von Bach – schlug er aus.
(Weitere Informationen: Friedrich-Kiel-Gesellschaft)